Das Apostolische Glaubensbekenntnis

Das sog. Apostolische Glaubensbekenntnis hat sich aus einem Element des römischen Taufritus entwickelt. Vor jedem Untertauchen eines Täuflings bejahte dieser jeweils eine Frage mit dem lateinischen Wort „credo“, d. h. „Ich glaube.“ Nach der sog. Apostolischen Überlieferung (aus der ersten Hälft des 3. Jahrhunderts)  lauteten die drei Fragen: „Glaubst du an Gott, den allmächtigen Vater?“ „Glaubst du an Jesus Christus, den Sohn Gottes, der geboren ist vom Heiligen Geist aus der Jungfrau Maria, der unter Pontius Pilatus gekreuzigt wurde, gestorben, am dritten Tage lebend von den Toten auferstanden und zum Himmel aufgestiegen ist, zur Rechten des Vaters sitzt, der kommen wird, zu richten die Lebenden und die Toten?“ „Glaubst du an den Heiligen Geist in der heiligen Kirche und an die Auferstehung des Fleisches?“
Ambrosius von Mailand (339-397) nannte das Glaubensbekenntnis erstmals „apostolisch“. Er brachte damit die Überzeugung zum Ausdruck, dass die Inhalte mit den Lehren der ersten Christen übereinstimmen. Aufgrund der starken Verknüpfung mit der Taufe wurde und wird es als Identifikationsmerkmal der Christen verstanden. In der Fachsprache wird das Apostolische Glaubensbekenntnis auch „Symbolon“ genannt. Mit diesem Wort bezeichneten die antiken Griechen eine Erkennungs- und Berechtigungsmarke zum freien Eintritt in einen bestimmten Bereich. Im gemeinsamen Sprechen des Glaubensbekenntnisses findet also die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Getauften und der besondere („königliche„) Auftrag der Nachfolger*innen Jesu Christi einen symbolischen Ausdruck.

Die einzelnen Glaubensaussagen sind in einer hochkonzentrierten, theologischen Sprache verfasst. Im Folgenden versuche ich, sie gewissermaßen etwas zu „verflüssigen“ – in der Hoffnung, dass durch ein besseres Verständnis auch eine größere Bedeutung für das alltägliche Leben wächst.

Glauben bedeutet: sich in etwas festmachen. Wie eine Bergsteigerin, die sich an einem steilen Felsen sichert. Vielleicht ist da ein Eisenring, den andere vor ihr dort befestigt haben. Den prüft sie, ob er noch richtig sitzt. Und nur wenn sie absolut davon überzeugt ist, dass sie sich im Zweifelsfall auf diese Sicherung verlassen kann, wird sie ihr Seil dort einklinken. Und wenn sie diese Route schon einmal als Kind geklettert sein sollte, wird sie trotzdem genau prüfen. Schließlich wiegt sie jetzt vielleicht doppelt so viel wie damals.
Genauso ist es mit dem Glauben: Glaubensüberzeugungen stammen von Menschen, die früher selbst einen Glaubensweg gegangen sind. Ihre religiösen „Befestigungen“ haben über Generationen hinweg Menschen gehalten und geleitet. Sie können auch für mich sehr hilfreich sein. Aber ich will sie vorher prüfen, ob sie eben auch mich und mein Leben heute halten. Und wenn ich zweifle, muss ich eben abseits der traditionellen Route suchen, wo ich mich festmachen kann. Das kann ein Risiko sein – genauso wie die Einstellung: „Was früher die Menschen gehalten hat, wird schon heute auch mich noch halten.“

Glaube und Gott gehören zusammen, schreibt Martin Luther in seinem Großen Katechismus. „Woran du dein Herz – d.h. dein Leben – hängst, das ist eigentlich dein Gott.“ So wie mein Glaube sehr viel mit meinen Erfahrungen zu tun hat, so auch mein Gott: Mein Gott ist einerseits die Sicherung, die mich hält; und andererseits das Ziel, an dem ich mein Leben ausrichte. Mein Gott ist das, was mir in meinem Leben Halt und Orientierung gibt.
Manche Menschen haben den Mammon (d. h. den Besitz, den materiellen Erfolg) zum Gott erwählt, schreibt Luther weiter. In ähnlicher Weise kann man auch das Aussehen vergöttern: Dass jemand letztlich nur darin Halt findet, wie er oder sie aussieht; dass sich jemand letztlich nur an einem gerade gängigen Schönheitsideal orientiert und sich daran anpassen will.
Die Bibel ist dagegen sehr eindeutig: Gott hat keinen Körper und kein Aussehen. Gott ist weder reich noch arm. Nur reich an Liebe und Barmherzigkeit. „Gott ist Liebe“, heißt es im 1. Johannesbrief (Kap. 4, Vers 16). Das heißt: Gott ist eine Lebenseinstellung und Lebensausrichtung, die die anderen – auch die ganz Anderen! – sieht und anerkennt; die „Nächsten“, auch wenn sie ganz anders sind als ich; auch wenn ich sie vielleicht nicht mag.

Die erste Stelle in der Bibel, in der Gott sich selbst als „Vater“ bezeichnet, steht im Zusammenhang mit der Königsherrschaft der Nachkommen Davids. In 2. Sam 7,14 legt Gott den Grundstein für die Erbfolge des Königshauses Davids: Wenn du gestorben bist, soll dein Sohn dein Nachfolger sein, sagt Gott zu David. Und zwar „im Namen Gottes“: „Ich werde sein Vater sein und er mein Sohn.“ Gott selbst wird den jeweiligen Thronnachfolger so führen, dass er sich gerecht verhält. Aber Gott wird seine Gnade nicht von ihm abziehen – wie immer er sich auch verhält. „Dein Thron soll für alle Zeit fest gegründet sein“
(Vers 16).

An diese Zusage erinnerten sich die frommen Juden vor allem dann, wenn sie unter einem König zu leiden hatten, der eben nicht nach Gottes Willen regierte. Dann vertrauten sie darauf, dass Gott sich wieder als „Vater“ erweisen und einen „Sohn“ einsetzen wird, der das Volk im Namen Gottes führen und zu nie gekannter Größe und Bedeutung bringen würde. (Der „im Namen Gottes“ eingesetzte König wurde feierlich mit heiligem Öl gesalbt. Deshalb wurde er als „der Gesalbte“ – hebräisch: „maschiach“; griechisch: „christos“ – erwartet.)
Im Neuen Testament wird dieser erwartete „Sohn Gottes“ mit Jesus von Nazareth gleichgesetzt. Folgerichtig spricht Jesus sehr häufig vom „Vater“, wenn er Gott meint.

Aber es gibt noch eine weitere Linie von Vater-Sohn-Beziehung: Der Prophet Hosea bezeichnet (im 8. Jahrhundert v. Chr.) das ganze Volk Israel als „Sohn“ Gottes: „Als Israel jung war, gewann ich ihn lieb und rief meinen Sohn aus Ägypten“ (Hos 11,1). Das Volk Gottes braucht also gar keinen förmlich eingesetzten König. Es ist selbst Gottes „Sohn“! Diese Tradition greift Jesus auf, wenn er zu seinen Nachfolger*innen sagt: „So sollt ihr beten: Unser Vater im Himmel …“ Alle Gläubigen sollen Gott „Vater“ nennen. Das gilt ganz unabhängig von der Herkunft, vom Geschlecht, vom sozialen Stand usw.; denn: „Welche der Geist Gottes leitet, die sind Söhne Gottes.“ (Röm 8,14)


Wer beim „Allmächtigen“ an jemanden denkt, der (wie bei „Bruce Allmächtig“) mit Fingerschnipsen ein altes Auto in einen Rennwagen verwandelt oder mal kurz den Mond näher heranrückt, damit es noch romantischer wird, der ist hier „im falschen Film“. Es geht nicht in erster Linie um „göttliche“ Machtdemonstrationen, sondern um die Frage: Gebe ich meinem Gott wirklich alle Macht?
Die Allmacht des biblischen Gottes hängt mit dem alten jüdischen Glaubensbekenntnis zusammen: „Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERRn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all Deiner Kraft.“ (5. Mose 6,4+5) Und kurz davor heißt es im 1. Gebot: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ (5. Mose 5,7). Deshalb wird im Alten Testament von Gott gesagt, dass er eifersüchtig sei – wie eine Frau, die keine Nebenbuhlerin akzeptiert. Sie will eben „von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller Kraft“ geliebt werden und die „Macht der Liebe“ nicht mit jemand anderem teilen!
„Ich bete an die Macht der Liebe“ ist eines meiner liebsten Kirchenlieder. Mein Gott ist als Liebe allmächtig, wenn die Liebe wirklich „die größte“ ist (1. Kor 13,13). Wie und wann kann ich die Allmacht der Liebe wahrnehmen? Zum Beispiel wenn andere über mich lästern; oder wenn ich mich selbst hässlich und nutzlos finde: Dann könnte ich solchen Stimmen Macht über mich geben – oder ich gebe der Liebe die alleinige Macht, die All-Macht. Sie sagt dann zu mir: „Du bist einfach wunderbar!“ Und scheucht die „anderen Götter“ fort.
Natürlich gibt es immer wieder Situationen, in denen gewissermaßen die „Nebenbuhlerinnen“ – das Vergleichen, das Be- und Verurteilen, der (Selbst-)Hass, der Tod usw. – mehr Einfluss auf mich haben als die Liebe. Dann ist der Glaube an die Allmacht meines Gottes umso wichtiger – wie es in der 3. Strophe des schönen Liedes „So nimm denn meine Hände“ (EG 376) heißt: „Wenn ich auch gleich nichts fühle / von deiner Macht, / du führst mich doch zum Ziele / auch durch die Nacht.“

Ich nehme die Welt, also Himmel und Erde, anders wahr, wenn ich sie als göttliche Schöpfung, als Ergebnis von Zuwendung (auch im Sinne von Geschenk) glaube: Ich sehe Vielfalt, wo andere vielleicht nur Verwertbares sehen. Ich sehe Beziehungen, wo andere vielleicht (biologische, geografische …) Grenzen ziehen. Ich nehme Wunder des Lebens wahr, wo andere vielleicht nur Kombinationen von Aminosäuren sehen. Der Glaube an Gott den Schöpfer des Himmels und der Erde macht mich dankbar. Und das bedeutet für mich gleichzeitig: Das Prinzip, das Leben schafft und erhält, ist Liebe – Wahrnehmung und Anerkennung jedes einzelnen Geschöpfes, Bejahung von Vielfalt, Freude über Wachstum.

Aber in dieser Glaubensaussage steckt noch mehr: „Himmel“ steht für das große Reich der Möglichkeiten. Die Liebe – d. h. die Anerkennung der anderen und ganz Anderen – eröffnet immer wieder neue Möglichkeiten. Es ist wirklich möglich, seine Feinde zu lieben und für die zu beten, die einen verfolgen (Matth 5,45)! Es ist möglich, sich einzuschränken, damit Menschen in allen Teilen der Welt satt werden und auch die kommenden Generationen noch gut auf dieser Erde leben können!
„Erde“ steht für das Reich der Wirklichkeiten. Ja, es gibt nicht nur eine Wirklichkeit! Die Wirklichkeit der meisten Menschen auf der Nordhalbkugel sieht anders aus als die Wirklichkeit der meisten Menschen auf der Südhalbkugel. Und die Wirklichkeit eines sehr wohlhabenden, kinderlosen Single-Mannes unterscheidet sich sehr von der Wirklichkeit einer alleinerziehenden Mutter, die von staatlicher Unterstützung leben muss. Den Blick für die unterschiedlichen Wirklichkeiten schafft die Liebe.

Wie und wo aber „berühren sich Himmel und Erde, dass Friede werde unter uns“, wie es in einem schönen Lied heißt? Das Reich der göttlichen Möglichkeiten wird für Christen zur Wirklichkeit, wo die Liebe Gestalt annimmt. Die Theologen sprechen hier von „Inkarnation“: Gott, die Liebe, wird Mensch. Damit kommen wir zum sog. zweiten Glaubensartikel.

Was wie Vor- und Zuname aussieht, ist wahrscheinlich das älteste christliche Glaubensbekenntnis: „Jesus ist der Christus.“ „Christus“ ist die griechisch-lateinische Übersetzung von „Messias“. Beide Wörter bezeichnen den „Gesalbten“. Sie meinen den erwarteten König, der die Herrschaft Gottes auf der Welt verwirklichen wird. Gerade während der Zeit der römischen Herrschaft über das Gebiet der alten Staaten Israel und Juda war das sehnsüchtige Warten auf den Messias/Christus sehr groß. Die von den Römern eingesetzten politischen Führer und Zollpächter bereicherten sich auf Kosten der Fischer, Handwerker und Bauern. Diese mussten teilweise ihr Land verkaufen und als Tagelöhner arbeiten, um die hohen Steuerschulden bezahlen zu können. Manche gerieten sogar samt ihren Familien in die Schuldknechtschaft: Sie waren Leibeigene einer ungerechten Herrschaft. Andere wurden ins Gefängnis geworfen, bis Angehörige sie wieder „erlösten“ (= auslösten). Ihre Hoffnung setzte das sog. einfache Volk auf das Kommen des „Heilands“ und Retters, den z. B. der unbekannte Autor des sog. Deuterojesaja (= „Zweiter Jesaja“; Jes 40 – 55) ankündigte. Er lässt Gott zum kommenden König sagen: „Durch dich zeige ich meine Verbundenheit mit den Menschen. Ich mache dich zum Licht für die Völker. Du wirst Blinden die Augen öffnen und Gefangene aus dem Kerker holen. Die im Dunkeln sitzen, befreist du aus der Haft.“ (Jesaja 42,6-7; BasisBibel)

Solches erzählen die Evangelien über Jesus von Nazareth: Er öffnete Blinden die Augen. Er heilte Kranke. Er befreite Menschen, die von „bösen Geistern“ geknechtet wurden. Er kümmerte sich darum, dass die Menschen satt wurden und ihr „tägliches Brot“ bekamen. Er kritisierte diejenigen, die andere wegen deren Schulden ins Gefängnis gebracht hatten (z. B. Matth 18,23-35: „Von der Vergebung; der Schalksknecht“). Und er wollte mit der Berufung der „Zwölf“ den alten Bund Gottes mit seinem Volk wiederaufrichten. Vor diesem Hintergrund spricht Petrus zu Jesus: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ (Matth 16,16)

Vor vielen Jahren habe ich Konfirmand*innen gefragt, wie sie diese Glaubensaussage verstehen. Die erste, spontane Reaktion war: „Jesus war eben ein Eingeborener.“ So hatte ich diese Aussage noch nie verstanden! Deshalb bin ich für diese neue Perspektive dankbar: Jesus war einer aus dem Volk. Kein Missionar von außen gleichsam. Interessant! Aber wie könnte man das noch verstehen? „Naja: Vielleicht ist Jesus in den Gott hineingeboren worden?“ „Nein, umgekehrt: Gott wurde in Jesus hineingeboren!“ Und schon hatte ich wieder etwas dazugelernt. So macht diese Aussage schließlich auch Sinn: Auf wunderbare Weise ist Gott, die Liebe, in Jesus von Nazareth „hineingeboren“ worden und im Laufe der Zeit in ihm groß geworden.
Dahinter fällt die ursprünglich gemeinte Aussage etwas zurück. Allerdings hat sie eine bedeutsame Spitze: Im lateinischen Text des Apostolikums steht an dieser Stelle das Wort „unicum“. Genau übersetzt lautet die Aussage also: „Und an Jesus Christus, seinen einzigen Sohn“.

„Sohn“ ist ein Beziehungsbegriff. Zu ihm gehört in unserem Zusammenhang „Vater“. Wie die göttliche Vater-Sohn-Beziehung zu verstehen ist, habe ich bereits oben ausgeführt: „Sohn Gottes“ war eine traditionelle Bezeichnung für den König bzw. für den „Gesalbten“ (Messias; Christus). Aber auch im Umfeld des altorientalischen Judentums ließen sich Könige und Caesaren so verehren. Die Vorstellung einer göttlichen Allmacht spiegelte sich in der unbeschränkten Macht der Alleinherrscher.
Dagegen sagt unser Glaubensbekenntnis: Jesus, der Christus, ist der einzige Sohn Gottes! Gerade in dem, an dem die vermeintlichen Halb-Götter durch die Kreuzigung ihre „Allmacht“ demonstrierten, ist das Wesen Gottes sichtbar geworden. Und nur in ihm: Die leidensfähige Liebe ist wahrhaft göttlich; nicht die Ausübung von Gewalt! So schreibt der Apostel Paulus an die Gemeinde in Korinth: „Die Botschaft vom Kreuz erscheint denen, die verloren gehen, als eine Dummheit. Aber wir, die gerettet werden, erfahren sie als Kraft Gottes.“ (1. Kor 1,18; BasisBibel)

Bis weit in das Mittelalter hinein waren die Gesellschaften patriarchalisch bestimmt. In den Familien hatte der „pater familias“, das Familienoberhaupt das Sagen – und die Verantwortung für das Wohlergehen aller, einschließlich der Knechte und Mägde. Dieses Verhältnis galt auch im politischen Bereich: Der Fürst war Herr über alle Untertanen. Deshalb war er – wie ein guter Hirte – (eigentlich) auch dafür verantwortlich, dass es allen möglichst gut ging und dass Konflikte gerecht gelöst wurden.

Das griechische Wort für „Herr“ ist „kyrios“. Die direkte Anrede lautet „kyrie“, „mein Herr“. Das ist aus der Gottesdienstfeier durch den Ruf „Kyrie eleison“ bekannt: „Herr, erbarme dich.“ Ursprünglich galt dieser Ruf dem römischen Kaiser und bedeutete ungefähr: „Herr, errette/hilf!“ Damit bestätigten die Untertanen ihrem Herrscher, dass sie ihn als höchste Autorität akzeptierten und von seiner Gnade und seiner Fürsorge abhängig waren.

Im Neuen Testament wird Jesus hin und wieder ehrfurchtsvoll und „höflich“ mit „mein Herr“ angeredet. An anderen Stellen ist von ihm als „dem Herrn“ die Rede. Damit wird eine Nähe zu Gott, der obersten Autorität, ausgedrückt: Aus Ehrfurcht vor dem alttestamentlichen Gottesnamen JHWH lasen fromme Juden in der Regel „adonaj“, „(mein) Herr“. (Wo in der Luther-Übersetzung „HERR“ in Großbuchstaben steht, steht im hebräischen Text der Gottesname JHWH.)

Wenn wir Jesus Christus als „unseren Herrn“ bezeichnen, schwingen diese Bedeutungen mit: Jesus Christus ist die Vergegenwärtigung (Inkarnation) von Gott, d.h. menschgewordene Liebe. Und er ist – anders als der Kaiser oder irgendein anderes weltliches Oberhaupt – für uns die höchste Autorität und der wirkliche Retter und Helfer. Er gibt im Alltag Orientierung und  Halt in schweren Zeiten. „Denn wenn du mit mit deinem Munde bekennst,
dass Jesus der Herr ist, und glaubst in deinem Herzen, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet.“ (Röm 10,9)

In der Antike wusste man noch nichts von der Verschmelzung der Erbanlagen von Mutter und Vater bei der Zeugung eines Kindes. Die Frau wurde als eine Art Blumentopf angesehen, der den Samen des Mannes empfängt. Im Körper der Frau wächst dieser Same bis zur Geburt heran. Direkt nach der Geburt legt die Frau dem Mann das Neugeborene vor die Füße, damit dieser es als sein rechtmäßiges Kind annimmt. Nur ein männlicher Nachkomme sichert dem Familienoberhaupt den Fortbestand. Deshalb ist die Geburt eines Sohnes ein besonders wichtiges Hoffnungszeichen. Andererseits gilt es eben als Bestimmung einer Frau, schwanger zu werden. Frauen, die keine Kinder bekommen können, gelten als von Gott gestraft.

Im Alten Testament erzählt der Prophet Jesaja davon, dass der König Ahas wegen der außenpolitischen Bedrohung seines Reiches mutlos und niedergeschlagen ist. Deshalb sagt der Prophet (im Namen Gottes) zu ihm: „Siehe, eine alma (aus deinem Harem?) ist schwanger und wird einen Sohn gebären. Den wird sie Immanuel nennen, „Gott-mit-uns“. (Jesaja 7, 14) Das Wort alma bedeutet eindeutig „junge Frau“ (von etwa 13 bis 15 Jahren). In der griechischen Übersetzung des Alten Testaments steht an dieser Stelle parthenos. Dieses Wort kann ebenfalls „(gebärfähiges) junges Mädchen“, aber auch „Jungfrau“ bedeuten. Damit war es gut anschlussfähig an griechische Vorstellungen: Viele herausragende Helden der griechischen Tradition galten als Söhne des Zeus, die dieser mit einer Jungfrau gezeugt hat. Ein Beispiel ist Perseus, der Sohn, den Zeus mit der Jungfrau Danaä zeugte: Der Vater Danaäs will verhindern, dass seine Tochter schwanger wird. Der Göttervater hat Erbarmen mit ihr und schwängert sie durch einen goldenen Regen.

Über die tatsächliche Zeugung Jesu gibt es keine vergleichbaren Schilderungen. Lediglich in den sog. Kindheitsevangelien des Matthäus- und des Lukasevangeliums werden Bezüge sowohl zu den Göttersöhnen der griechischen Tradition als auch zum Hoffnung stiftenden Prophetenwort des Jesaja an König Ahas gezogen.

Für mich drückt diese Glaubensaussage aus: Mit Jesus Christus beginnt etwas ganz Neues. Keine Festlegungen oder Einschränkungen durch irgendein menschliches „Erbgut“, d.h. durch eine Tradition oder eine vermeintliche Gesetzmäßigkeit. Das wahre Wunder der Menschwerdung Jesu besteht darin, dass sich in ihm der heilige Geist fortpflanzt: der Geist der Liebe, der Solidarität und der Anerkennung aller, unabhängig von ihrer Herkunft und ihren Leistungen. Die Geburt von der „Jungfrau Maria“ signalisiert darüber hinaus eine hoffnungsvolle Unabhängigkeit von (männlicher) Macht und gesellschaftlichen Festlegungen. Dies wird im sog. Magnificat, dem Lobgesang der Maria, ausgedrückt:

„Ich lobe den Herrn aus tiefstem Herzen. Alles in mir jubelt vor Freude über Gott, meinen Retter. Denn er wendet sich mir zu, obwohl ich nur seine unbedeutende Dienerin bin. Von jetzt an werden mich alle Generationen glückselig preisen. Denn Gott, der mächtig ist, hat Großes an mir getan. Sein Name ist heilig. Er ist barmherzig zu denen, die ihm Ehre erweisen – von Generation zu Generation. Er hebt seinen starken Arm und fegt die Überheblichen hinweg. Er stürzt die Machthaber vom Thron und hebt die Unbedeutenden empor. Er füllt den Hungernden die Hände mit guten Gaben und schickt die Reichen mit leeren Händen fort.“ (Lukas 1, 47-53)

Dass Jesus gekreuzigt wurde, erscheint uns heute als allgemein anerkannt. Aber es gab durchaus Christen, die daran zweifelten: Jesus Christus war für sie ganz und gar Gott. Vor dem Hintergrund der griechischen Philosophie war es undenkbar, dass ein Gott wirklich leiden oder gar sterben konnte. So kam es u.a. zu verschiedenen Spekulationen: Es sei gar nicht Jesus selbst gewesen, der da gekreuzigt wurde, sondern eine Art Doppelgänger. Oder: Jesus sei am Kreuz nur scheinbar gestorben; nach der Abnahme vom Kreuz sei er von seinen Anhänger*innen (mit besonderen Salben) reanimiert worden und lebe also weiter.

Dagegen schlägt das Apostolische Glaubensbekenntnis harte Pflöcke ein: „gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben“. Bumm! Bumm! Bumm! Bumm! Kurzer Prozess. Und der füllt gleichzeitig die Leerstelle zwischen der besonderen Geburt Jesu und seinem brutalen Ende: Gekreuzigt wurden nur neben entlaufene Sklaven nur politische Aufrührer (auch „Räuber“ genannt). Nach der öffentlichen Geißelung wurden sie – zur Abschreckung – an Straßen hingerichtet. Die Kreuzigung war eine besonders brutale Hinrichtungsart: Das Sterben konnte sich über Tage hinziehen.

Dass Jesus gegeißelt und gekreuzigt wurde, bezeugt also, dass er von den Römern als (möglicher oder tatsächlicher) Unruhestifter wahrgenommen wurde. Sein Engagement für das „einfache Volk“ war gefährlich für die staatliche Ordnung. Immerhin sehen die Leute in ihm einen wiedergeborenen Propheten bzw. den erwarteten Messias (Markus 8, 28).  Die zum größten Teil hungernde Bevölkerung will ihn zum König machen (Johannes 6,15). Das Volk empfängt ihm in Jerusalem als „König von Israel und bereitet ihm einen Empfang, wie er sonst nur dem römischen Machthaber zusteht (Johannes 12,1-16). Das konnte die römische Staatsmacht unter dem Statthalter Pontius Pilatus nicht tatenlos hinnehmen.

Jesus von Nazaret ist wirklich gestorben und begraben worden, nicht nur scheinbar. Ich hätte kein Problem damit, wenn Archäologen irgendwann einmal zweifelsfrei seine sterblichen Überreste präsentieren könnten. So hat vor einigen Jahren ein amerikanischer Forscher glaubhaft machen wollen, dass er die Familiengruft der Großfamilie Jesu gefunden hätte. Ich finde solche Entdeckungen interessant und auf keinen Fall irritierend für meinen Glauben. Im Gegenteil: Nur weil ich fest davon überzeugt bin, dass dieses „gekreuzigt, gestorben und begraben“ wirklich gilt, kann ich auch richtig verstehen, was es mit seiner Auferweckung auf sich hat. Aber dazu komme ich weiter unten.